Die aktuelle Kolumne

Nachhaltige Stadtentwicklung

Das UN-Weltstädteforum: Eine globale Bühne für autoritären Urbanismus?

Goedeking, Nicholas / Michael Roll / Lena Gutheil
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 11.05.2026

Bonn, 11. Mai 2026. Die zunehmende Prominenz autoritärer Planungsansätze auf dem Weltstädteforum erhöht die Gefahr, dass UN-Habitats wichtigste Konferenz Autokraten eine globale Bühne bietet.

Vom 17. bis 22. Mai findet in Baku, Aserbaidschan, das 13. UN-Weltstädteforum (WUF) statt. Zum zweiten Mal in Folge und zum dritten Mal seit 2020 richtet ein autoritärer Staat UN-Habitats wichtigste Konferenz zur Stadtentwicklung aus. Während Deutschland und andere demokratische Staaten ihre Präsenz auf dem Forum zurückfahren, wächst die Sichtbarkeit autoritärer Staaten. Setzt sich dieser Trend fort, droht die Konferenz zu einer globalen Bühne für autoritären Urbanismus zu werden.

Das letzte WUF im Jahr 2024 war dafür ein Paradebeispiel. Gastgeberland Ägypten nutzte die globale mediale und politische Aufmerksamkeit in Kairo, um sein umstrittenes Projekt einer neuen Hauptstadt zu präsentieren: die mehrere Milliarden US-Dollar teure Planstadt wurde heftig dafür kritisiert vor allem einer kleinen wohlhabenden Minderheit zu dienen, weitgehend unbewohnt zu sein und Investitionen aus Ägyptens bestehenden Städten abzuziehen. Das Magazin „The Economist“ bezeichnete das Projekt pointiert als „Egypt‘s new pyramid scheme“ (übersetzt „Ägyptens neues Schneeballsystem“ – womit auf eine Betrugsmasche angespielt wird).

An städtischen Herausforderungen, die neue Entwicklungsansätze erfordern, mangelt es nicht. In Afrika schreitet die Urbanisierung rasant voran; die städtische Bevölkerung wird sich Prognosen zufolge von 700 Millionen im Jahr 2020 auf 1,4 Milliarden im Jahr 2050 verdoppeln. Weltweit leben noch immer rund eine Milliarde Menschen in informellen Siedlungen, oft ohne ausreichenden Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen. Gleichzeitig verursachen Städte über 70 % der globalen Treibhausgasemissionen und spielen damit eine zentrale Rolle im Klimaschutz.

Doch der von vielen Autokratien bevorzugte Planungsansatz – der in ihren WUF-Pavillons deutlich sichtbar wird – scheitert häufig bei der Bewältigung dieser Herausforderungen, vor allem, weil er nicht darauf ausgelegt ist, der Mehrheit der Bevölkerung zugutezukommen. Vielmehr dient dieser Ansatz, den der Politikwissenschaftler James Scott als „autoritären Hochmodernismus“ bezeichnet hat, in der Regel vor allem den Interessen und Fantasien des Regimes, etwa der Festigung politischer Macht und der Ausübung sozialer Kontrolle. Als Ideologie setzt dieser Ansatz auf von oben gesteuerte Masterpläne, die notfalls auch mit Gewalt durchgesetzt werden und von den Lebensrealitäten der Menschen losgelöst sind.

Abgesehen davon, dass dieser Planungsansatz autoritäre Regime stärkt, zeigt sich historisch, dass er städtische Probleme häufig eher verschärft als löst. Der Ansatz geht in der Regel mit einer enormen Verschwendung öffentlicher und privater Ressourcen einher und verursacht meist erhebliche soziale und ökologische Schäden. Prominente Beispiele für gescheiterten autoritären Hochmodernismus sind Planstädte wie etwa Malaysias „Forest City“, Saudi-Arabiens „The Line“ und Abu Dhabis gescheiterte Ökostadt „Masdar City“. Schätzungen zufolge stehen zwei Drittel dieser neuen Stadtprojekte nahezu leer oder sind vollständig unbewohnt und resultieren in sogenannten „Geisterstädten“. Projekte wie diese kommen in erster Linie politischen Eliten, Interessengruppen und Investor*innen zugute – nicht den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung oder deren Menschenrechten.

Alternative Stadtentwicklungsmodelle, die auf Stadterneuerung statt Masterpläne, auf Bürger*innenbeteiligung statt Eliteprojekte und auf die Bedürfnisse der Bevölkerung statt auf Regimeinteressen setzen, wirken oft weniger spektakulär. Diese pluralistischen Planungsansätze funktionieren jedoch häufig nicht nur besser, sondern sind auch unerlässlich für den Abbau städtischer Ungleichheit, auch und gerade in informellen Siedlungen.

Daher ist es wichtig, auf Konferenzen wie dem WUF pluralistische Ansätze der Stadtentwicklung sichtbar zu machen. Tausende politische Entscheidungsträger*innen, Investor*innen, Journalist*innen und Vertreter*innen der Zivilgesellschaft kommen bei solchen Veranstaltungen zusammen, um Planungskonzepte der Stadtentwicklung zu beleuchten, zu diskutieren und zu entwerfen. Beim letzten WUF in Kairo bot der deutsche Pavillon eine wichtige Insel demokratischen Diskurses inmitten einer Flut überwiegend autoritärer urbaner Visionen. Er war als öffentliches Forum konzipiert, brachte unterschiedliche Perspektiven und Denkweisen zusammen und ermöglichte somit wichtige inklusive Diskussionen.

In diesem Jahr in Baku wird es jedoch keinen deutschen Pavillon geben. Auch andere Demokratien reduzieren aufgrund von Kürzungen ihrer Entwicklungsprogramme ihre Präsenz auf der Konferenz. Die Abwesenheit dieser Pavillons und Begegnungsräume bedeutet verpasste Gelegenheiten, WUF-Teilnehmenden aus aller Welt demokratischere, pluralistische und nachhaltigere Wege der Stadtentwicklung vorzustellen.

Die in den Pavillons präsentierten Stadtvisionen sind natürlich nur eine Dimension der Veranstaltung. Doch wenn Deutschland und andere Demokratien ihre Partner bei der Bewältigung drängender städtischer Herausforderungen wirksam und zugleich finanziell verantwortungsvoll unterstützen wollen, dürfen sie sich dem globalen Wettbewerb um die Gestaltung der Städte von morgen nicht entziehen. Deutschland sollte daher erwägen, beim nächsten WUF 2028 in Mexiko-Stadt wieder einen Pavillon zu organisieren und gemeinsam mit demokratischen Partnerländern Möglichkeiten auszuloten, dem autoritären Trend entgegenzuwirken. Dies könnte auch bedeuten, selbst in der Zukunft ein Weltstädteforum auszurichten.

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