Jugendbewegungen
Führen Jugendproteste zu mehr Demokratie? Lehren aus Madagaskar
Toto, Priscilla / Lena GutheilDie aktuelle Kolumne (2026)
Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 26.01.2026
Bonn, 26.01.2026. Proteste der Gen Z entfalten nicht immer politische Wirkung. In Madagaskar erlebte die Jugend einen ermächtigenden Moment und stürzte das Regime – ob demokratischer Wandel folgt, ist offen.
In den letzten zwei Jahren ist die Zahl der Jugendproteste weltweit deutlich gestiegen. Viele Mobilisierungen der sogenannten Gen Z änderten jedoch nichts an den Machtverhältnissen. Die Ereignisse in Madagaskar zeigen dagegen, wie die politische Handlungsmacht junger Menschen – mit Unterstützung aus Teilen des Militärs – ein Regime zu Fall bringen kann. Doch so groß der Erfolg eines Regimewechsels auch ist: Er garantiert noch keine nachhaltigen demokratischen Reformen.
Am 25. September 2025 gingen in Madagaskar Tausende auf die Straße. Auslöser war die Wut über die häufigen Strom- und Wasserausfälle. Es folgten landesweite Proteste, initiiert von der Facebook-Gruppe „Gen Z Madagascar“. Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt, in dem nur 39 % der Bevölkerung Zugang zu Strom und lediglich 55 % Zugang zu einer grundlegenden Trinkwasserversorgung haben (Weltbank, 2026). Zivilgesellschaftliche Gruppen, Gewerkschaften und Bürger*innen schlossen sich der Bewegung an und forderten den Rücktritt von Präsident Rajoelina. Dieser weigerte sich jedoch abzudanken und entließ stattdessen sein gesamtes Kabinett, um die Demonstrierenden zu beschwichtigen. Als sich dann das Militär unter Führung von Oberst Michael Randrianirina den Befehlen widersetzte, floh Rajoelina aus dem Land. Zurück blieb ein Machtvakuum, das eine friedliche Machtübernahme durch das Militär ermöglichte.
Die jüngsten Proteste der Gen Z in so unterschiedlichen Ländern wie Kenia, Mexiko und Marokko weisen viele Gemeinsamkeiten auf, insbesondere ihre wirkungsvolle Mobilisierung über soziale Netzwerke. Doch nicht alle führten zu konkreten politischen Veränderungen. Was also lässt sich aus dem Erfolg in Madagaskar lernen?
Wirksame Proteste brauchen breite Unterstützung
Die Bewegung in Madagaskar ging zwar von Aktivist*innen der Gen Z aus, doch konnte sie nur deshalb Druck ausüben, weil breite Teile der Bevölkerung mitmachten. Die Missstände betrafen alle: Wasser- und Stromknappheit, Korruption, wirtschaftliche Stagnation, Angriffe auf Meinungs- und Vereinigungsfreiheit sowie mangelnde Rechenschaftspflicht der Regierung. Das verschaffte den Protesten Legitimität über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Schnell schlossen sich normale Bürger*innen, zivilgesellschaftliche Gruppen und Gewerkschaften an – darunter die Gewerkschaft der Arbeitsinspektoren sowie der staatliche Wasser- und Stromversorger Jirama. Erst diese gesamtgesellschaftliche Unterstützung machte aus Jugenddemonstrationen eine Kraft, die das Regime nicht mehr ignorieren konnte.
Geschickter Einsatz sozialer Netzwerke
Die organisatorischen Fähigkeiten junger Aktivist*innen sorgten dafür, dass eine Mobilisierung gegen gemeinsame Missstände in konkrete Proteste mündete. Durch digitales Storytelling wurden Menschen emotional eingebunden, es entstand eine kollektive Dynamik. Nach dem Vorbild von Aktivist*innen in Nepal nutzten die Demonstrierenden auch in Madagaskar Discord als Kommunikationsplattform und Bluetooth-basierte Offline-Messenger, die selbst bei Internetsperren funktionieren. Nicht nur die digitalen Tools, auch die hierarchiefreie Struktur der Bewegung erschwerten Repression. Während die Proteste vor allem auf der Independence Avenue in Antananarivo stattfanden, organisierten mehrere Gruppen gleichzeitig und unabhängig voneinander Kundgebungen in der ganzen Stadt.
Regimewechsel durch die Abkehr der Elite
Ein weiterer Schlüsselfaktor für den Erfolg der Protestbewegung war der Schulterschluss mit dem Militär. Der Wendepunkt kam, als Oberst Randrianirina – ein lautstarker Kritiker Rajoelinas, der 2023 wegen angeblicher Putschpläne inhaftiert worden war – die Streitkräfte aufforderte, den Schießbefehl auf Demonstrierende zu verweigern. Zu diesem Zeitpunkt stand die Macht des Präsidenten bereits auf der Kippe und er hatte sein gesamtes Kabinett aufgelöst. Mächtige Verbündete, insbesondere der Unternehmer Mamy Ravatomanga, verließen das Land und eröffneten damit dem Militär die Möglichkeit, sich vom Regime zu lösen. Ohne den Rückhalt von Militär und Elite war der Sturz Rajoelinas nur noch eine Frage der Zeit.
Auf dem Weg zu einer funktionierenden Demokratie?
Madagaskar steht an einem Scheideweg. Ob die Übergangsregierung die Gelegenheit für substanzielle Reformen nutzt bleibt offen. Einige Schritte geben zumindest Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Der Interims-Staatschef ernannte beispielsweise einen zivilen Premierminister, der ein mehrheitlich ziviles Kabinett zusammengestellt hat. Auch die Kampagne für landesweite regionale Konsultationen deutet auf eine inklusivere Regierungsführung hin. Ob diese Maßnahmen mehr als reine Symbolpolitik sind, wird sich zeigen. Internationale Akteure wie die AU und UNO verurteilten zunächst vor allem die Verfassungswidrigkeit des Machtwechsels. Nun sollten sie die madagassischen Behörden schnellstmöglich dabei unterstützen, einen inklusiven Dialog für eine friedliche und demokratische Transition zu organisieren.
Auch 2026 wird es weltweit Proteste der Gen Z geben. Angesichts zunehmender Autokratisierung sind Demonstrationen eines der wenigen noch verfügbaren Mittel, mit dem Bürger*innen ihrer Stimme Gehör verschaffen können. Oft zu einem hohen Preis, wie das jüngste Beispiel Iran zeigt. In diesen schwierigen Zeiten gibt Madagaskar zumindest Anlass zur Hoffnung, dass Veränderungen möglich sind.
Priscilla Toto nimmt am 61. Postgraduate Programme for Sustainability Cooperation (PGP) teil und ist Mitglied der Forschungsgruppe „The Next Generation of National Development Banks (NDBs): Early Lessons from Ghana and Nigeria“.
Dr. Lena Gutheil ist Senior Researcher in der Abteilung “Transformation of Political (Dis-) Order” des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) in Bonn.