Zwischen Krise und Reform
Was bei der WTO-Ministerkonferenz auf dem Spiel steht
Berger, Axel / Clara BrandiDie aktuelle Kolumne (2026)
Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 23.03.2026
Bonn, 23. März 2026. Die strukturelle Krise der WTO prägt die 14. Ministerkonferenz. Bleibt in Yaoundé ein Fortschritt aus, würde dies den Eindruck stärken, dass die WTO weiter an Handlungsfähigkeit verliert.
Wenn Ende März die 14. Ministerkonferenz (MK14) der Welthandelsorganisation (WTO) in Yaoundé stattfindet, steht viel auf dem Spiel. Die strukturelle Krise der WTO ist altbekannt: Geopolitische Rivalitäten prägen die Handelspolitik, die Mitglieder sind tief gespalten, wenn es um Reformen geht und die disruptive amerikanische Zollpolitik untergräbt die multilateralen Regeln. Obwohl eine Reform der WTO essentiell wäre, sind substanzielle Fortschritte in Yaoundé nicht zu erwarten. Ob die MK14 als Erfolg gewertet werden kann, hängt in erster Linie davon ab, ob die Ministerkonferenz in zwei konkreten Bereichen Ergebnisse liefern wird.
Erstens steht das Moratorium für E-Commerce auf der Agenda. Seit 1998 verzichten WTO-Mitglieder darauf, digitale Produkte wie Software oder Musik mit Zöllen zu belegen. Dieses Moratorium muss regelmäßig erneuert werden, um einen Flickenteppich für digitalen Handel zu verhindern. Einige Länder sehen darin Einnahmeverluste und stellen seine Verlängerung zunehmend infrage oder nutzen diese als Druckmittel, um Zugeständnisse in anderen Bereichen zu erhalten. Eine Fortsetzung wäre ein wichtiger Erfolg für den freien Handel mit digitalen Produkten – auch wenn es wieder nur eine Übergangslösung wäre.
Zweitens geht es um das Abkommen für Investitionserleichterung (Investment Facilitation for Development, IFD), das von mehr als zwei Drittel der WTO-Mitgliedschaft unterschrieben wurde. Das Abkommen soll Verfahren für Investitionen transparenter und effizienter machen und könnte gerade für Niedrig- und Mitteleinkommensländer Vorteile bringen. Auch wenn es sich um ein „plurilaterales“ Abkommen handelt, das nicht von allen Mitgliedern unterzeichnet und umgesetzt wird, ist die Zustimmung aller Mitglieder erforderlich, um es in das WTO-System zu integrieren. Erst dann ist das Abkommen rechtswirksam und bindend. Noch steht die Integration auf der Kippe, da sich einige wenige Mitglieder, insbesondere Indien, bisher dagegenstellen.
Mehr als nur technische Details
Auch wenn diese Themen technisch wirken, sind sie politisch bedeutsam. Gelingt in Yaoundé in beiden Fällen kein Fortschritt, würde dies die Wahrnehmung weiter verstärken, dass die WTO selbst bei relativ begrenzten Initiativen kaum noch handlungsfähig ist. Diejenigen, die das multilaterale Handelssystem als dysfunktional abstempeln, dürften sich bestätigt fühlen.
Für die Europäische Union (EU) stellt sich damit eine strategische Frage. Wenn sie die WTO stärken will, muss sie glaubwürdig für die Regeln eintreten, auf denen das multilaterale Handelssystem basiert. In Zeiten, in denen fundamentale Regeln gebrochen werden, ist das wichtiger denn je. Umso problematischer ist es, wenn Kommissionspräsidentin von der Leyen jüngst den Eindruck erweckte, die EU sehe sich nicht mehr als Hüterin einer regelbasierten Ordnung. Auch das Hinterfragen des zentralen Meistbegünstigungsprinzips durch die EU ist ein fatales Zeichen. Dieses verhindert, dass Handelspartner ungleich behandelt werden, und ist die Grundlage eines fairen, regelbasierten Handelssystems.
Sollte die MK14 keine überzeugende Perspektive für die Zukunft der WTO eröffnen, droht eine weitere Fragmentierung in Blöcke. Die EU ist hier nicht naiv, sondern vorbereitet: indem sie mehr als 40 Freihandelsabkommen mit knapp 80 Ländern und sektorale Partnerschaften auf den Weg bringt. Solche Abkommen können helfen, Handel zu liberalisieren und Regeln weiterzuentwickeln – sie können die WTO aber nicht ersetzen, über deren Regeln noch immer mehr als 70 Prozent des Welthandels abgewickelt werden. Daher sollte die Verhandlung von bilateralen und regionalen Freihandelsabkommen immer auch ein klares Bekenntnis der Parteien für multilaterale Reformen enthalten.
Zudem sollte Europa parallel eine andere strategische Option verfolgen: eine engere „plurilaterale“ Kooperation mit Gleichgesinnten. Mittelmächte wie Kanada, Japan, Australien, Brasilien oder Südafrika haben ein starkes Interesse an stabilen und berechenbaren Handelsregeln. Gemeinsam könnten sie Reforminitiativen vorantreiben oder – falls die WTO dauerhaft blockiert bleibt – zumindest Teilstrukturen eines funktionsfähigen regelbasierten Systems aufrechterhalten. Ein Beispiel ist der Versuch der EU, mit den 12 Ländern des transpazifischen Partnerschaftsabkommens CPTPP zu kooperieren. Die sogenannte Vorläufige Schiedsvereinbarung (Multi-Party Interim Appeal Arbitration Arrangement, MPIA) ist ein weiteres Beispiel. Ihr gehören mittlerweile 58 Länder an – unter ihnen die EU, China und Brasilien – die hiermit einen Ersatz für die von den USA blockierte Berufungsinstanz des WTO-Streitbeilegungsverfahrens geschaffen haben.
Stärke durch Regeln
Die WTO wird in Yaoundé nicht neu erfunden werden. Doch die Ministerkonferenz wird zeigen müssen, ob ihre Mitglieder noch bereit sind, das multilaterale Handelssystem politisch zu tragen. Für Europa ist klar: Die EU kann ihren Einfluss langfristig nur in einem funktionierenden regelbasierten Handelssystem sichern. Gerade deshalb sollte sie alles daransetzen, die WTO zu stärken und neue Koalitionen für ihre Reform zu schmieden.