Die aktuelle Kolumne

WTO Global Review 2026

20 Jahre „Aid for Trade“: Zwischen Entwicklungszielen, Gegenwind und Geberinteressen

Stender, Frederik & Tim Vogel
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 02.11.2026

Bonn, 02.11.2026. Vom 29. bis 30. Oktober veranstaltete die Welthandelsorganisation (WTO) in Genf ihren 10. „Aid for Trade“ (AfT) Global Review. Die alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung ist der wichtigste WTO-Dialog, um die Fortschritte der Initiative zu bewerten und ihre künftige Ausrichtung zu gestalten. 20 Jahre nach dem Start von AfT bot das Jubiläum Gelegenheit, die bisherigen Erfolge zu würdigen und über die Rolle der Initiative in einer zunehmend fragmentierten und volatilen Weltwirtschaft zu reflektieren.

AfT beruht auf einer einfachen Idee. Länder mit hohen Handelskosten können nicht in vollem Maße vom Zugang zu internationalen Märkten profitieren. Umfang und Ausrichtung der Initiative sind dabei zentral. AfT macht etwa ein Fünftel der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit (ODA) aus. Laut WTO fließen rund 98 % aller Zusagen in die Unterstützung wirtschaftlicher Infrastruktur und den Aufbau von Produktionskapazitäten und nur ein kleiner Teil in den Kapazitätsaufbau für die Umsetzung handelspolitischer oder regulatorischer Maßnahmen. AfT ist somit weit mehr als ein eng gefasstes handelspolitisches Instrument, sondern hilft Ländern, effektiver am Welthandel teilzunehmen und ihre wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. 

Eine Debatte im Wandel 

Diese Logik stößt auf eine neue politische Realität. Fiskalpolitischer Druck in den Geberländern, die zunehmende Politisierung des Handels und ideologische Angriffe auf die Entwicklungszusammenarbeit – die entsprechende öffentliche Skepsis häufig überzeichnen – haben die Debatte über Entwicklungshilfe verändert. Als Reaktion kürzten Regierungen Entwicklungsbudgets und richten den Einsatz verbleibender Mittel expliziter an nationalen Interessen aus, etwa mit Verweis auf Beschäftigungs- und Exportchancen für inländische Unternehmen.

Es ist legitim darauf zu verweisen, dass auch Geberländer von der Entwicklungszusammenarbeit profitieren sollten. Problematisch wird es, wenn diese Vorteile nicht mehr eine Folge, sondern das Hauptziel sind. Das gilt insbesondere für AfT, denn die Erkenntnisse über die ökonomische und statistische Bedeutung der Exportgewinne für die Geberländer sind uneinheitlich. 

Neuere Forschung zur ODA insgesamt hat die öffentliche Aufmerksamkeit erregt, weil sie substantielle positive Effekte auf Exporte und Beschäftigung in den Geberländern, darunter Deutschland, aufzeigen. Entscheidend ist, dass diese Effekte offenbar über langfristige, indirekte Kanäle entstehen und nicht zwingend mit direkter Handelsförderung verbunden sind. Diese Erkenntnisse sind auch für AfT von Bedeutung: Um den Nutzen für Geberländer zu beurteilen, muss der Blick über unmittelbare Verträge und Exportaufträge hinausgehen und berücksichtigen, in welchem Maße der Nutzen von AfT in den langfristigen Wirtschaftsbeziehungen liegt. 

Es gibt gute Gründe, diese Perspektive auf AfT einzunehmen. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Unterstützung von Entwicklungsländern bei der Senkung von Handelskosten, der Modernisierung von Zollverfahren, der Stärkung von Produktionskapazitäten, der Einbindung in globale Wertschöpfungsketten und der Erfüllung internationaler Standards ihre Handelsleistung deutlich verbessern kann – insbesondere in den am wenigsten entwickelten Ländern.

Die potenziellen Vorteile gehen weit über die gesteigerte Handelskapazität der Empfängerländer hinaus. Wer daher nur auf die Exportbilanzen der Geberländer blickt, verliert das Große und Ganze aus den Augen. Länder, die im internationalen Handel erfolgreicher werden, können sich zu widerstandsfähigeren und verlässlicheren Partnern entwickeln. Für stark vom internationalen Handel abhängige Volkswirtschaften wie Deutschland kann das bereits ein erheblicher Nutzen sein. Jüngste Forschung zeigt zudem, dass Geberländer profitieren, indem sie Zugang zu kritischen Rohstoffen erhalten, nachhaltigere Handelspartnerschaften aufbauen und stärkere Bündnisse für ein regelbasiertes Handelssystem schmieden. Solche Effekte lassen sich anhand reiner Exportstatistiken kaum erfassen, könnten aber weitreichender sein.

Ausblick

Die Debatte sollte sich daher von der Frage „Was bekommen wir dafür zurück?“ hin zu der strategischeren Frage bewegen: „Welche Partnerschaften wollen wir aufbauen?“ Dieser Perspektivwechsel ist für Politik und Forschung bedeutend. Künftige Studien sollten über direkte Auswirkungen hinausgehen und die Mechanismen untersuchen, durch die AfT sowohl Geber- als auch Empfängerländern zugutekommt. Ein Verständnis dieser Wirkungszusammenhänge könnte dazu beitragen, die strategische Ausrichtung von AfT gezielter zu gestalten.

Dies ist besonders relevant in einem Handelsumfeld, das zunehmend von Industriepolitik, wirtschaftlicher Unsicherheit, Lieferkettenrisiken, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, Klimawandel und geopolitischen Entwicklungen geprägt ist. Um wirksam zu bleiben, muss AfT noch stärker als umfassender Ansatz ausgerichtet werden. Der diesjährige Global Review steht für ein breiteres, stärker zukunftsorientiertes Verständnis von Handelsintegration, bei dem neben dem traditionellen Aufbau von Handelskapazitäten auch Resilienz, Inklusion, Investitionen und öffentlich-private Partnerschaften im Fokus stehen.

Diese breitere Perspektive könnte dazu beitragen, die Ziele von AfT enger mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten und den Anpassungsbedarf der heutigen Welt in Einklang zu bringen. Gut konzipiert, ist die Initiative – mit ihrem expliziten Auftrag, Entwicklung in einer vernetzten Welt zu fördern – ein idealer Kandidat für Partnerschaften auf Augenhöhe. 20 Jahre nach dem Start der Initiative könnte dies eine der wichtigsten Zukunftsperspektiven für AfT sein.

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