Die aktuelle Kolumne

Weltstädtetag 2026

Regeneration der Städte – aber für wen?

Zondo, Nomzamo / Eva Dick / Jacqueline Wingens
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 26.10.2026

Bonn, 23.10.2026. Die Wohnungskrise gewinnt immer mehr an politischer Bedeutung und gehört zu den drängendsten sozialen Fragen unserer Zeit. Im September 2026 feierte Die Linke in Berlin einen deutlichen Wahlsieg, nachdem sie bezahlbaren Wohnraum und die Enteignung von Immobilienkonzernen zum zentralen Wahlkampfthema gemacht hatte. Nur wenige Tage später führte die Zwangsräumung von Maricarmen Abascal in Madrid zu einer Regierungskrise und vorgezogenen Parlamentswahlen. In Südafrika hat eine geplante Änderung des nach dem Ende der Apartheid verabschiedeten Gesetzes gegen Zwangsräumungen in mehreren Großstädten Proteste ausgelöst und dürfte den Ausgang der Kommunalwahlen im November maßgeblich beeinflussen. 

Passend dazu ist der diesjährige Weltstädtetag am 31. Oktober dem Thema „Regeneration der Städte: Angemessener Wohnraum für alle“ gewidmet. Im World Cities Report 2026 bezeichnet das Wohn- und Siedlungsprogramm der Vereinten Nationen UN-Habitat den Zugang zu bezahlbarem und angemessenem Wohnraum als „eine der am schwersten zu bewältigenden und komplexesten globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts“. Zugleich betont der Bericht, wie entscheidend Wohnraum für das sozioökonomische Wohlergehen, die menschliche Gesundheit, Bildung, Mobilität und soziale Inklusion ist.

Laut UN-Habitat hat die Wohnungskrise ein beispielloses Ausmaß erreicht. Weltweit wenden 44 % der Haushalte mehr als 30 % ihres Einkommens für Wohnen auf. Da Wohnraum in vielen Städten zum Spekulationsobjekt geworden ist – mit politisch begünstigenden Rahmenbedingungen – explodieren die Wohnkosten. Die Folgen dieser Finanzialisierung sind unbezahlbare Mieten, beengte Wohnverhältnisse und zunehmende Obdachlosigkeit. Derzeit haben fast 3,4 Mrd. Menschen keinen Zugang zu adäquatem Wohnraum – so viele wie nie zuvor. Über eine Milliarde Menschen leben in informellen Siedlungen, in baufälligen Unterkünften ohne funktionierende Grundversorgung oder in unsicheren Wohnverhältnissen. UN-Habitat zufolge wurden von 2003 bis 2023 weltweit mindestens 64 Millionen Menschen im Zuge von Stadtentwicklungsprozessen zwangsgeräumt.

Die Wohnungskrise ist ein globales Phänomen, trifft Subsahara-Afrika jedoch besonders hart. Südafrika ist dafür ein typisches Beispiel. Es gehört zu den Ländern mit der weltweit größten Ungleichheit: Rund 86 % des Vermögens entfallen auf die reichsten 10 % der Bevölkerung. Städte, in denen die Regierung unzureichend formalen, bezahlbaren Wohnraum bereitstellt und große Unternehmen und Finanzinstitute zunehmend den Immobilienmarkt dominieren, sind auch heute noch von den räumlichen Ungleichheiten aus der Apartheid geprägt. Knapp 10 Millionen Menschen (etwa 24 % der Stadtbevölkerung Südafrikas) leben in informellen Siedlungen am Stadtrand oder in den Innenstädten, die meisten von ihnen Schwarze, darunter viele Migrant*innen.

Um räumlichen Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, hob die Regierung nach dem Ende der Apartheid die Regelungen gegen Landbesetzungen – welche der nicht-weißen Bevölkerung den Zugang zu den Städten und das Recht auf Ansiedlung verwehrt hatten – durch neue Gesetze auf. Das 1998 verabschiedete Gesetz zur Verhinderung illegaler Räumungen (PIE Act) entkriminalisierte die Besetzung von Grundstücken und verbot Räumungen ohne ordnungsgemäßes Verfahren und alternative Unterbringung. Aktuell bereitet die Regierung jedoch eine Gesetzesnovelle vor, welche die Position von Menschen schwächt, die nach einer Räumung von Obdachlosigkeit bedroht sind, und zugleich die Sanktionen bei Grundstücksbesetzungen ausweitet. Zudem drohen zivilgesellschaftlichen Organisationen Strafen, wenn sie sich mit den betroffenen Gemeinschaften solidarisieren und ihnen rechtlich beistehen, ihnen unterstellend, sie würden zu diesen Besetzungen „anstiften“.

Darin spiegelt sich ein Trend wider, der Wohnungskrise mit Zwangsräumungen und Polizeieinsätzen zu begegnen, anstatt das verfassungsrechtlich verankerte Recht auf Wohnen umzusetzen. Eigentlich garantieren südafrikanische Gesetze den Schutz von Betroffenen und bekennen sich zur Verbesserung informeller Siedlungen, um die Grundversorgung bereitzustellen und sicheren Wohnraum zu schaffen. Diese Vorkehrungen verkommen jedoch zur Farce, da die Regierung geräumten Gemeinschaften alternativen Wohnraum verweigert – es sei denn, sie wird vor Gericht dazu verpflichtet. Mitunter werden Wohneinheiten auch ohne gerichtliche Anordnung abgerissen oder geräumt, um Besetzungen oder die weitere Ausbreitung informeller Siedlungen zu verhindern. Regierungsmitglieder brandmarkten die Bewohner*innen informeller Siedlungen zuletzt als Feinde und machten Migrant*innen ohne Aufenthaltsstatus für das Wachstum dieser Viertel verantwortlich. 

Letztlich geht es um mehr als Wohnraum – in Südafrika wie weltweit. Städtische Regeneration wirft tiefgreifende politische Fragen auf: Wer hat das Recht zu bleiben, dazuzugehören und die Stadt mitzugestalten? Wie kann urbaner sozialer Zusammenhalt und die Inklusion (von Migrant*innen) gestärkt werden? In ihrem neuen Strategieplan betont UN-Habitat die soziale Funktion von Land und Wohnraum für alle – anstatt die eines Luxusgutes für wenige. Wie das Beispiel Südafrika zeigt, reichen solide Gesetze und gute politische Ansätze allein dafür nicht aus. Es braucht auch politischen Willen und die passenden Instrumente für eine rechtebasierte Umsetzung sowie eine wirksame Regulierung. 


Nomzamo Zondo ist Anwältin für Menschenrechte und Direktorin des Socio-Economic Rights Institute of South Africa (SERI).

Dr. Eva Dick ist Fachreferentin für städtische Entwicklung in der Abteilung Afrika/Naher Osten bei Misereor und assoziierte Wissenschaftlerin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS). 

Dr. Jacqueline Wingens ist Referentin für gerechte Stadtentwicklung bei Misereor und assoziierte Wissenschaftlerin am IDOS.

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