Die aktuelle Kolumne

Beyond 2030 – Jenseits von Wachstum globale Entwicklung neu denken

Sozial-ökologische Transformationen und die Zukunft globaler nachhaltiger Entwicklung

Kuhnt, Jana / Daniele Malerba / Benjamin Rosenthal
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 28.09.2026

Bonn, 28. September 2026. Die Beyond 2030 Debatte steht noch am Anfang. Mit dem „Global Justice Report“ und der „Roadmap Beyond Growth“ liegen zwei wegweisende Impulse für die weitere Diskussion vor.

Die Debatte darüber, was auf die Agenda 2030 und ihre Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) folgen soll, steht noch am Anfang. Die formellen VN-Diskussionen hierzu beginnen auf dem SDG-Gipfel 2027. Dies geschieht in schwieriger Zeit: Die SDGs sind nicht erreicht, geopolitische Rivalitäten, Kriege und wirtschaftliche Instabilität schwächen die internationale Zusammenarbeit. Traditionelle Geberländer priorisieren zunehmend nationale Interessen, kürzen Entwicklungsetats und setzen auf kurzfristiges Wachstum zulasten globaler Solidarität und des Klimaschutzes.

Ist daher tatsächlich der richtige Zeitpunkt, um einen neuen globalen Rahmen für nachhaltige Entwicklung auszuhandeln? Ja! Richtig gestaltet, wird er eine Alternative zu den gegenwärtigen Entwicklungen bieten, internationale Zusammenarbeit, Gerechtigkeit und Wohlergehen stärken und zugleich die planetaren Grenzen wahren.

Zwei aktuelle Leitberichte leisten wichtige Impulse: der Global Justice Report des World Inequality Lab unter der Leitung von Thomas Piketty und Kolleg*innen sowie die Roadmap for Eradicating Poverty Beyond Growth, die unter der Leitung des ehemaligen UN-Sonderberichterstatters für extreme Armut und Menschenrechte, Olivier De Schutter, in einem breit angelegten internationalen Beteiligungsprozess erarbeitet wurde. 

Die Regeln der Weltwirtschaft neu gestalten

Beide Berichte teilen eine grundlegende Diagnose: Der derzeitige globale Entwicklungspfad schafft zu wenig Wohlergehen und verletzt die planetaren Grenzen. Sie plädieren für Wirtschaftsmodelle, die Wohlergehen, Armutsüberwindung und Gerechtigkeit – jenseits rein monetärer Maßstäbe – in den Mittelpunkt stellen und unsere natürlichen Lebensgrundlagen wahren. Beide hinterfragen Wirtschaftswachstum als zentralen Entwicklungsmaßstab.

Der Global Justice Report fordert drei globale Veränderungsprozesse: rasche Dekarbonisierung, stärkere Orientierung an einem maßvollen Ressourcenverbrauch – insbesondere durch weniger Arbeitszeit, einen geringeren materiellen Fußabdruck in wohlhabenderen Ländern und veränderte Konsummuster – und eine deutliche Verringerung von Ungleichheiten bei Einkommen, Vermögen und Macht, innerhalb sowie zwischen Ländern. Dafür entwickelt der Bericht einen quantitativen Bezugsrahmen.

Die Roadmap legt konkrete politische Maßnahmen vor, mit denen sich Armut und Ungleichheit ohne Wirtschaftswachstum bekämpfen lassen. Anstelle des bekannten Ansatzes „Wachstum, Besteuerung und Umverteilung“ rückt sie die Prädistribution (predistribution) in den Mittelpunkt: die grundlegende Veränderung der Regeln und Strukturen, die wirtschaftliche Macht und Zugang zu Chancen bestimmen.

Auch wenn die politische Umsetzbarkeit beider Berichte teils kontrovers diskutiert wird, stehen ihre Forderungen keineswegs isoliert. Sie knüpfen an bestehende Initiativen an, darunter die Bridgetown Initiative zur Reform des internationalen Währungssystems, das Sevilla Commitment zur Entwicklungsfinanzierung, der Prozess zur VN-Steuerkonvention sowie G20-Initiativen unter Führung Brasiliens und Südafrikas zur globalen Ungleichheit.

Was können wir für die Post-2030 Agenda lernen?

Eine nachhaltige und gerechte Weltwirtschaft braucht internationale Zusammenarbeit und politischen Willen. Die Berichte liefern empirische Evidenz und politische Handlungsoptionen und stellen etablierte Vorstellungen von Wachstum und Macht infrage. Die Beyond-2030 Debatte sollte diese Impulse aufgreifen und Raum für gesellschaftliche und politische Diskussion schaffen, um gemeinsame Perspektiven zu entwickeln und Unterstützung für notwendige Transformation zu gewinnen. 

Wachstumsdogma überwinden, ohne Entwicklungschancen zu beschneiden. Für viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen (LMICs) bleibt Wachstum für Armutsbekämpfung, Beschäftigung und fiskalischen Handlungsspielraum wichtig. Entscheidend ist daher, welche Art von Wachstum das Wohlergehen verbessert und zugleich planetare Grenzen wahrt. Alle Länder, insbesondere LMICs, brauchen Handlungsspielraum, um eigene Entwicklungspfade entsprechend ihrer Bedürfnisse und Prioritäten zu definieren.

Neue Partnerschaften, um globale Ungleichheit stärker ins Zentrum zu rücken. Wem kommt Wachstum zugute, wer trägt die ökologischen Kosten, wie sind Ressourcen verteilt? Diese Fragen müssen stärker ins Zentrum internationaler Zusammenarbeit rücken. Die gegenwärtige geopolitische Lage erfordert neue Koalitionen, um Themen wie eine faire Finanz- und Schuldenarchitektur oder Technologiezugang gemeinsam auf die globale Agenda zu setzen. Die neu gegründete Süd-Nord-Kommission sollte Ungleichheit zentral in ihrem Mandat verankern. Das vorgeschlagene International Panel on Inequality (IPI) soll ein ständiges Gremium ähnlich dem IPCC schaffen, das globale Ungleichheiten untersucht und Handlungsoptionen aufzeigt.

Die sozial-ökologische Dimension von Entwicklung stärken. Klimawandel, Biodiversitätsverlust und Ressourcenknappheit prägen zunehmend die Entwicklungsperspektiven. Klimaschutz, soziale Sicherung, Armutsbekämpfung und wirtschaftliche Transformation müssen daher stärker zusammengedacht werden. Klimafinanzierung und internationale Transfers können dieses unterstützen; dafür braucht es ausreichende Finanzmittel und geeignete institutionelle Rahmenbedingungen. Die Verhandlungen im Rahmen der Triple COPs in diesem Jahr sind hier von besonderer Bedeutung.

Bis 2030 bleibt keine Zeit zu verlieren. Wir müssen jetzt auf bestehenden Initiativen und Koalitionen sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbauen. Die zentrale Herausforderung besteht darin, über ein wachstumszentriertes Entwicklungsparadigma hinauszugehen und zugleich breite Koalitionen für eine ambitionierte sozial-ökologische Transformation zu schaffen.


Jana Kuhnt ist Entwicklungsökonomin und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Transformation politischer (Un-)Ordnung und ko-leitet das Projekt zu Migration und Vertreibung am IDOS.

Daniele Malerba ist Ökonom und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung "Transformation der Wirtschafts- und Sozialsysteme" des IDOS.

Benjamin Rosenthal ist Politikreferent für Entwicklungsfinanzierung bei Misereor. Er arbeitet vor allem zu den Themen global gerechte Wirtschaft, nachhaltiges Finanzsystem und Entwicklungsfinanzierung.

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