Der „Urban Development Track“ der G7

Urbanisierung, die Klimakrise und die Rolle der G7

Urbanisierung, die Klimakrise und die Rolle der G7

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Roll, Michael
Die aktuelle Kolumne (2022)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 12.09.2022

Bonn, 12.09.2022. Etwa 70 Prozent aller Treibhausgase werden von Städten emittiert. Die schnelle und radikale Umgestaltung von Städten auf der ganzen Welt ist daher ein zentraler Schritt, um die Auswirkungen der Klimakrise abzufedern. Dennoch hat die Gruppe der Sieben (G7) erst in diesem Jahr einen „Urban Development Track“ eingerichtet. Auf Einladung der deutschen Bundesministerin für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen, Klara Geywitz, treffen sich die G7-Minister*innen für Stadtentwicklung am 12. und 13. September 2022 in Potsdam. Welchen Beitrag kann die G7 angesichts der zahlreichen bereits bestehenden internationalen Initiativen zur globalen nachhaltigen Stadtentwicklung leisten?

Der größte Teil der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten und dieser Anteil wird weiter wachsen. Ohne eine deutlich nachhaltigere Stadtentwicklung in den kommenden Jahren lässt sich die Klimakrise nicht abwenden. Der diesjährige IPPC-Bericht unterscheidet drei Arten von Städten: etablierte Städte, schnell wachsende Städte sowie neue und aufstrebende Städte. Während die etablierten Städte in der Regel im globalen Norden angesiedelt sind, befinden sich die anderen Stadttypen vorwiegend im globalen Süden. Prognosen zufolge wird es bis 2050 etwa zwei bis drei Milliarden neue Stadtbewohner*innen geben, 90 Prozent davon in Afrika und Asien. Die meisten dieser Städte sind noch nicht gebaut, beispielsweise zwei Drittel der zukünftigen Städte Afrikas. Da städtische Infrastruktur äußerst langlebig ist, droht in den kommenden Jahren ein massiver Carbon-Lock-in-Effekt. Zugleich sind die Investitionen in eine nachhaltige Stadtentwicklung oft gerade in den Ländern besonders gering, in denen der Großteil des zukünftigen städtischen Wachstums stattfinden wird.

Es gibt bereits zahlreiche globale Initiativen zur nachhaltigen Stadtentwicklung, etwa die „New Urban Agenda“ oder SDG11 „Nachhaltige Städte und Gemeinden“ sowie  mehrere Städtenetzwerke und Nichtregierungsorganisationen, wie z. B. Local Governments for Sustainability (ICLEI), C40 oder der Globale Konvent der Bürgermeister*innen für Klima und Energie. Welche Rolle könnte die G7 in diesem Zusammenhang spielen?

Erstens tragen die G7 als etablierte Industrieländer den größten Anteil der historischen Verantwortung für die Klimakrise. Es ist daher von zentraler Bedeutung, dass sie schnell die Treibhausgasemissionen in den etablierten Städten des globalen Nordens reduzieren. Darüber hinaus ist ein breiterer globaler Fokus notwendig. Es wäre unverantwortlich, den mit dem Bau neuer Städte in Afrika und Asien unmittelbar bevorstehenden zusätzlichen Carbon-Lock-in und die Folgen für das Weltklima zu ignorieren.

Zweitens sollte die G7 im Sinne einer globalen Ausrichtung Plattformen für globalen Austausch und Peer-Learning unterstützen. Bisher sind die Erfahrungen von Städten im globalen Norden in solchen Foren oft noch überrepräsentiert. Dabei haben Regierungen, Kommunen und die Zivilgesellschaft im globalen Süden viel Wissen und praktische Erfahrungen darüber angesammelt, wie die miteinander verknüpften Herausforderungen wie informelle Wirtschaft, soziale Ungleichheit, Armut und nachhaltige Stadtentwicklung gelöst werden können. Zudem entwickeln Wissenschaftler*innen gemeinsam mit lokalen Gemeinschaften fortwährend neue, innovative Ansätze für eine urbane Transformation. Das Lernen von diesen globalen Erfahrungen ist ein notwendiger Ausgangspunkt.

Um einen global ausgerichteten Ansatz zum Austausch und Lernen zu institutionalisieren, könnte ein dritter Beitrag der G7 darin bestehen, die Idee eines Pakts der G7/G20 für nachhaltige Urbanisierung aufzugreifen. Die Urbanisierung ist für viele der Schwellenländer in der G20 eine große Herausforderung. Eine institutionalisierte Form der Zusammenarbeit zu diesem Thema wäre daher wichtig.

Viertens: Letztlich hängt es an der massiven Finanzierungslücke, ob die rasante globale Urbanisierung in den nächsten Jahren zu einem zusätzlichen Carbon-Lock-in oder zu grüneren, nachhaltigeren Städten führen wird. Wer, wenn nicht der Club der führenden Volkswirtschaften, kann Mittel zur Eindämmung der Klimakrise und zum Aufbau einer nachhaltigeren globalen urbanen Zukunft mobilisieren? Bestehende Initiativen wie der City Climate Finance Gap Fund oder die Cities Climate Finance Leadership Alliance sind zwar sinnvoll, verfügen aber nur über geringe finanzielle Mittel. Öffentliche und private Investor*innen sind zunehmend an der Finanzierung von Projekten in Städten auf der ganzen Welt interessiert und könnten einbezogen werden. Der geplante Klima-Club der G7 könnte außerdem durch einen G7-Infrastruktur-Club ergänzt werden, der auf nachhaltige Stadtentwicklung ausgerichtet ist. Richtig eingesetzt könnten diese Investitionen auch dabei helfen, den städtischen Wohnraum auszubauen, grüne Arbeitsplätze zu schaffen und Städte insgesamt gendergerechter zu gestalten.

Der Einsatz der G7 für eine nachhaltige Stadtentwicklung ist überfällig und sehr zu begrüßen. Mit einem globalen Fokus, der Bereitschaft zum Lernen, einer Partnerschaft mit der G20 und anderen relevanten Akteuren sowie mit der Mobilisierung von Mitteln zur Schließung der Finanzierungslücke könnte der „Urban Development Track“ der G7 einen wichtigen Beitrag zur globalen nachhaltigen Stadtentwicklung und zur Abfederung der Folgen der Klimakrise leisten.

Über den Autor

Roll, Michael

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