Die aktuelle Kolumne

Sustainable Buildings and Construction Summit 2026

Warum Städte biobasierte Materialien brauchen

Never, Babette / Alexander Stoecker
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 20.04.2026

Bonn, 20. April 2026. Der Umbau unserer Städte braucht mehr als CO2-armen Zement. Bio-Materialien können Emissionen senken, Arbeitsplätze und lokale Wirtschaftskreisläufe stärken – aber werden oft übersehen. 

Vom 20. - 22. April suchen Vertreter*innen aus Wissenschaft, Politik und Industrie auf dem Sustainable Buildings and Construction Summit in Lausanne nach Lösungen zur Dekarbonisierung der bebauten Umwelt. Der Druck ist enorm. Der Gebäudesektor verursacht jährlich mehr als ein Drittel der globalen CO2-Emissionen, während die Urbanisierung in vielen Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen rasant wächst – besonders in Subsahara-Afrika. Entscheidend ist, ob Lösungen schnell verfügbar und realisierbar sind und wirtschaftliche Vorteile bieten. International gilt CO2-armer Beton wie LC3 häufig als schnelle Lösung, weil er kaum Verfahrensanpassungen braucht. Wirtschaftliche Impulse sind jedoch begrenzt – sie könnten wachsen, wenn biobasierte Materialien den Baumix ergänzen.

Viele Länder in Subsahara-Afrika stehen vor drei Herausforderungen. Erstens müssen sie Wohnraum für eine schnell wachsende, oft einkommensschwache Stadtbevölkerung schaffen. Bereits heute fehlen ca. 50 Millionen Wohneinheiten; bis 2030 könnten es 130 Millionen sein. Zweitens steht die Schaffung von Arbeitsplätzen im Zentrum politischer Agenden. In Kenia etwa drängt jährlich rund eine Million junge Menschen auf den Arbeitsmarkt. Drittens geht es darum, die wirtschaftliche Entwicklung auf einen umweltfreundlicheren Pfad zu lenken. Infrastruktur und Gebäude machen diese Weichenstellung besonders folgenreich: CO2-intensives Bauen verschlechtert die Emissionsbilanz, heizt die Städte auf und erschwert die Wiederverwendung von Materialien. Da ein Großteil der Gebäude in Subsahara-Afrika erst noch entstehen wird, besteht die Chance, kostspielige Nachrüstungen zu vermeiden – vorausgesetzt, dies geht mit notwendigen Veränderungen im Bausektor des Globalen Nordens einher.

Die Umstellung auf CO2-armen Beton kann diese Herausforderungen nur teilweise adressieren: die Bereitstellung von Wohnraum und die Dekarbonisierung des Bauwesens. LC3 erfordert nur minimale Anpassungen in Zementfabriken und wird wie herkömmlicher Beton verarbeitet. Modellrechnungen zeigen, dass sich das Material insbesondere für mehrstöckige Gebäude eignet, wo sein CO2-Fußabdruck geringer ist als der einer Kombination aus biobasierten Materialien und gebrannten Tonziegeln. Für diese Gebäudetypen ist LC3 daher sinnvoll. Viele Häuser in Subsahara-Afrika sind jedoch einstöckig, auch in Zukunft. Die Emissionen hängen also in hohem Maße von der Materialzusammensetzung und den Transportwegen ab.

Hier kommen biobasierte Materialien ins Spiel. Bislang werden sie unterschätzt, obwohl sie alle drei Herausforderungen zugleich adressieren können. Verbesserte Lehmziegel, Holz oder Bambus sind kostengünstig und arbeitsintensiver als LC3. Sie schaffen lokale Wertschöpfung, fördern kleine und mittlere Unternehmen und reduzieren Transportkosten, da sie vor Ort produziert werden können. Für den sozialen Wohnungsbau sind sie besonders geeignet: Studien aus Ruanda zeigen, dass die Wandbaukosten um 60 % oder mehr sinken können – durch verbesserte Produktionsstandards auch ohne Einbußen bei Stabilität und Haltbarkeit. Unsere Untersuchungen zeigen zudem, dass biobasierte Materialien in Kigali umweltfreundlichere und bessere Arbeitsplätze schaffen können. Eine flächendeckende Einführung scheitert bislang an Hindernissen auf Angebots- und Nachfrageseite, darunter geringes Bewusstsein sowie die Wahrnehmung mangelnder Qualität, die den Zugang zu Finanzierung erschweren.

Daraus ergibt sich ein klar zu definierender hybrider Ansatz: LC3 für mehrstöckige Gebäude und tragende Konstruktionen sowie biobasierte Materialien für einstöckige Wohnhäuser und nichttragende Innenwände, wo diese oft günstiger und lokal besser geeignet sind. In Ruanda muss die Regierung klare Vorgaben machen, damit Unternehmen auf diese Materialien umstellen. Ähnliche hybride Ansätze sind in ganz Subsahara-Afrika vielversprechend, doch die Anwendung biobasierter Materialien erfordert lokal verankerte Forschung. Geeignete Materialien hängen ab von a) der Art des Bodens und den lokal verfügbaren Materialien, b) der Importabhängigkeit bei Zement, Stahl usw. sowie c) den Transport- und Lebenszykluskosten. Nachhaltiges Holz und Myzel mögen für Europa geeignet sein, Bambus für Asien, während in Subsahara-Afrika stabilisierte Lehmziegel, Erd-Zement-Mischungen und Pflanzen wie Rohrkolben ein großes Potenzial bieten.

Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit sollte die wirtschaftlichen Zusatznutzen und das Entwicklungspotenzial für lokale Unternehmen, die mit biobasierten Materialien arbeiten, international stärker hervorheben. In der eigenen Projektarbeit sollte nachhaltigeres Bauen als Ziel verankert werden, einschließlich der Nutzung biobasierter Materialien zur Schaffung grüner Arbeitsplätze. Die konkreten biobasierten Materialien und die zu unterstützenden Wertschöpfungsketten müssen im Vorfeld für jedes Land sorgfältig analysiert werden, insbesondere hinsichtlich Verfügbarkeit und Qualität von Erde, der Import-Export-Struktur und Zölle für Baumaterialien, der Marktbedingungen sowie Engpässe auf Angebots- und Nachfrageseite. Gleichzeitig erfordert die Anwendung biobasierter Materialien politischen Willen vor Ort, um sich gegen Interessen im Bausektor durchzusetzen, sowie klare staatliche Vorgaben, die Orientierung bieten und gleiche Wettbewerbsbedingungen für nachhaltige Alternativen schaffen. Dieser Weg mag langsamer erscheinen als andere Lösungen, ist jedoch realisierbar und dürfte den wirtschaftlichen Nutzen für die Partnerländer erhöhen.

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