Energie(un)sicherheit

Welche Rolle sollte der EU Green Deal in Konfliktzeiten spielen?

Welche Rolle sollte der EU Green Deal in Konfliktzeiten spielen?

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Faus Onbargi, Alexia / Gabriela Iacobuta / Lukas Hermwille
Die aktuelle Kolumne (2022)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Die aktuelle Kolumne vom 04.04.2022

Bonn, 04.04.2022. Infolge der russischen Invasion der Ukraine steht Energiesicherheit nun ganz oben auf der europäischen Tagesordnung. Der Stopp des umstrittenen Nord-Stream-2-Projekts ist nur ein Beispiel für die Maßnahmen, mit denen die europäischen Länder darauf reagieren. Deutschland ist eines der Länder, die am stärksten von Russlands fossilen Brennstoffen abhängig sind: Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) waren im Jahr 2020 37,2 % des in Deutschland verbrauchten Öls, 20,9 % der Kohle und vor allem 45,7 % des Erdgases aus Russland importiert. Dies ist nur ein Beispiel für die erheblichen Schwachstellen im Energiesystem der EU insgesamt (40 % des Erdgasverbrauchs der EU werden von Russland geliefert). Diese Schwachstellen sollen im Rahmen eines Plans behoben werden, der die Energieunabhängigkeit der EU von Moskau bis 2030 anstrebt.

Eine solche Unabhängigkeit sollte jedoch nicht durch eine Verlagerung der Versorgung mit fossilen Brennstoffen auf andere Quellen wie Flüssigerdgas erreicht werden. Vielmehr kann und sollte sie langfristig durch eine dringende und rasche Entwicklung erneuerbarer Energien – Wind, Sonne, grüner Wasserstoff – und durch Verbesserungen der Energieeffizienz erreicht werden. Eine Verzögerung oder gar Änderung des Green Deals, wie sie von einigen Mitgliedern des EU-Parlaments gefordert wird, sollte in Zeiten vielfältiger globaler Krisen keine Option sein. Es ist vielmehr an der Zeit, den Green Deal in den Mittelpunkt der EU-Energiesicherheitspolitik zu stellen, neben koordinierten Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, biologische Vielfalt, grüner Industriepolitik und Klima.

Kurzfristig können ein starker Fokus auf Energieeffizienz und eine Kampagne zur Energieautarkie helfen, um den Erdgasbedarf zu senken. Im Frühjahr und Sommer hat die EU die Möglichkeit, sich auf die Verbesserung von Gebäudeisolierung, Heizungssystemen oder den Ersatz von Gaskesseln durch Wärmepumpen zu konzentrieren. Zusammen könnten diese Maßnahmen laut IEA innerhalb eines Jahres zu einer Verringerung des Erdgasverbrauchs um vier Milliarden Kubikmeter führen, ggf. mehr.

Kurz- und mittelfristig müssen die Klimamaßnahmen in der EU Anreize für ein starkes Engagement für erneuerbare Energien (und die Infrastruktur für intermittierende Energiequellen) schaffen und so die Elektrifizierung von Energiedienstleistungen, die derzeit Erdgas nutzen, vorantreiben. Die Solar- und Windenergietechnologie, die laut IEA den Gasverbrauch in der EU um sechs Milliarden Kubikmeter reduzieren könnte, ist bereit und kann sehr schnell eingesetzt werden. Ihr Einsatz wird derzeit vor allem durch Regulierung gebremst. In Deutschland sind langsame und unvorhersehbare Genehmigungsverfahren die Haupthindernisse für einen schnelleren Ausbau der Windenergie.

Mittel- und langfristig sollte die Diversifizierung von Gasimporten auch andere Substitute einschließen, insbesondere grünen Wasserstoff. Durch den Import und die verstärkte Produktion von grünem Wasserstoff aus erneuerbaren Energien kann die EU die Dekarbonisierung von Schlüsselindustrien beschleunigen und ihre globale Rolle bei der Erzeugung grüner Energie stärken, indem sie ein wichtiger Handelspartner für andere Länder wird. Ein rascher Übergang zu grünem Wasserstoff wird für energieintensive Industrien wie die Stahlproduktion und für solche, die nicht elektrifiziert werden können, von entscheidender Bedeutung sein. Investitionen in diesem Bereich und klare Signale an den Privatsektor sind heute erforderlich.

Die EU sollte die internationale Dimension des Green Deal ernst nehmen und starke globale Partnerschaften fördern. Der Import energieintensiver Rohstoffe, die mit erneuerbaren Energien in Regionen mit höherem Potenzial hergestellt werden, könnte die Energiewende weltweit vorantreiben Südafrikanische Forscher*innen haben vorgeschlagen, die Produktion von grünem Primäreisen unter Nutzung der Eisenerzvorkommen des Landes, seines enormen Potenzials an erneuerbaren Energien und seiner industriellen Kapazitäten zu entwickeln. Dieses könnte dann nach Europa exportiert und in bestehenden Stahlwerken zur Herstellung von Stahl mit deutlich geringeren Emissionen verwendet werden. Die Aufnahme solcher neuen Handelsbeziehungen kann aber auch unbeabsichtigte Nebenwirkungen haben. Daher ist eine sorgfältige Prüfung möglicher Kompromisse mit anderen Bereichen der nachhaltigen Entwicklung erforderlich. Die weltweite Verknappung von Mais, Weizen und Sonnenblumenöl aufgrund des Krieges in der Ukraine sollte nicht durch eine erhöhte Biokraftstoffproduktion verschärft werden. Der Aufbau von Partnerschaften, die einen gegenseitigen Nutzen gewährleisten, sollte ein Hauptziel der EU sein.

Die Abhängigkeit Europas im Energiebereich kann nur durch die Verringerung unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen begrenzt werden. Dies steht in perfektem Einklang mit dem Ziel des Green Deals, Europa zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Er wurde zwar zur Bekämpfung des Klimawandels konzipiert, ist aber auch unsere beste Antwort auf eine neue geopolitische Realität. Wenn überhaupt, muss die EU den Green Deal beschleunigen und nicht verzögern. Ist er erfolgreich, hat er das Potenzial, das Herzstück einer energiesicheren und Treibhausgas-neutralen EU zu werden, die angesichts der Klimakatastrophe und geopolitischer Auseinandersetzungen eine entschlossene Haltung einnimmt.


Alexia Faus Onbargi und Gabriela Iacobuta sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Lukas Hermwille ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wuppertal Institut.

Über die Autor*innen

Iacobuta, Gabriela

Climate and sustainable development policy

Iacobuta

Faus Onbargi, Alexia

Environmental and Sustainable Development Governance

Faus Onbargi

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