Die aktuelle Kolumne

UNFCCC SB64 beginnt heute in Bonn

Wer hat einen Platz am Tisch? Bonner Klimaverhandlungen und das Visumproblem

Wagner, Niklas
Die aktuelle Kolumne (2026)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 08.06.2026

Bonn, 08. Juni 2026. Jahr für Jahr finden die Bonner Klimaverhandlungen statt. Jahr für Jahr werden Delegierte aus dem Globalen Süden durch Visahürden ausgebremst — und untergraben damit Deutschlands Anspruch auf inklusiven Multilateralismus.

Die 64. Sitzung der UNFCCC-Nebenorgane (SB64) beginnt heute im Bonner World Conference Center. Über 5.000 Delegierte von Regierungen sowie Zivilgesellschaft kommen zusammen, um die COP31 vorzubereiten, die in diesem Jahr in der Türkei stattfindet. Die Nebenorgane sind fundamentaler Bestandteil der globalen Klimadiplomatie: Hier wird die technische Grundlage gelegt, werden Positionen verhandelt und Koalitionen gebildet. Parteidelegierte wie Nicht-Partei-Akteure sind formell gleichberechtigt willkommen — doch Teilnehmende aus dem Globalen Süden sehen sich einer Reihe von Hindernissen gegenüber: Akkreditierung, Reisekosten, Unterkunft und Visa. Die Visa-Barriere ist hier besonders, weil es in der Verantwortung Deutschlands, als Host des UNFCCC-Sekretariats, liegt, diese zu adressieren.

Visahürden für die Beteiligung des Globalen Südens an Klimaverhandlungen sind weder neu noch ein ausschließlich deutsches Problem. Bereits 2008 kritisierte das IIED den Ausschluss von Delegierten aus den vulnerabelsten Ländern von UN-Klimaverhandlungen in Europa aufgrund von Visumverzögerungen. Bei den Bonner Sitzungen SB60 im Jahr 2024 wurden 223 Fälle von Delegierten aus Afrika und Asien dokumentiert, die Schwierigkeiten hatten, rechtzeitig oder überhaupt ein Visum zu erhalten: 25 wurden direkt abgelehnt, 167 Anträge blieben unbearbeitet, und 37 erhielten ihr Visum mit erheblicher Verzögerung — Länder wie Burundi, Kamerun, Ägypten, Marokko und Ruanda waren in den ersten Verhandlungstagen ohne Repräsentanz. Im Jahr 2025 stieg die Zahl der dokumentierten Fälle auf 298. Zu den wiederkehrenden Ursachen zählen verweigerte Terminvergaben, die Pflicht zur Antragstellung in weit entfernten Drittländern sowie Ablehnungen mit dem Verweis auf angebliche Zweifel an der Rückkehrabsicht. Der Unmut darüber wird regelmäßig in den Abschlusserklärungen der Bonner Sitzungen laut — oder, in weniger diplomatischer Form, vom zivilgesellschaftlichen Netzwerk CAN, das Deutschland auffordert, seinen „Visumkrieg gegen afrikanische Delegierte" zu beenden.

Hinter den oben genannten Zahlen stehen Menschen, meist mit formeller Akkreditierung, konkretem Arbeitsplan und oft vollständiger Finanzierung, die dennoch nicht teilnehmen können. Eine junge Delegierte aus Asien beschreibt es so: „Visumprobleme sind eines der größten Hindernisse für mich. Aus dem Globalen Süden kommend, verbringen wir zwei bis drei Monate damit, immer wieder zur Botschaft zu laufen, Anträge zu stellen, Widerspruch einzulegen. Viele meiner Kolleg*innen haben kein Visum bekommen — obwohl sie vollständig finanziert waren und einen konkreten Plan hatten, wie wir zusammenarbeiten wollten. Sie konnten einfach nicht kommen." Dies ist kein Einzelfall. Es ist eine strukturelle Hürde, die genau jene Stimmen ausschließt — Verhandler*innen aus den vulnerabelsten Ländern, junge Aktivist*innen, Vertreter*innen besonders betroffener Gemeinschaften —, deren Präsenz entscheidend für die Legitimität des multilateralen Klimaprozesses ist.

Das Argument, Visumhürden seien administrativ unvermeidbar, hält einer Überprüfung nicht stand. Die Gastgeberländer der jüngsten COPs in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Aserbaidschan und Brasilien haben allesamt eigene beschleunigte Visumverfahren für akkreditierte UNFCCC-Teilnehmende eingeführt. Entscheidend ist: Auch Schengen-Mitgliedstaaten haben dies getan. Artikel 25 Absatz 1 des Schengener Visakodex erlaubt es Mitgliedstaaten ausdrücklich, Visa auszustellen, wenn „internationale Verpflichtungen" dies erfordern. Für die COP21 in Paris nutzte Frankreich diese Bestimmung, um akkreditierten Teilnehmenden allein auf Grundlage ihres Akkreditierungsschreibens ein Kurzaufenthaltsvisum zu erteilen, ohne die üblichen Begleitdokumente. Für die COP25, die mit kaum vier Wochen Vorlauf von Santiago nach Madrid verlegt wurde, erließ Spanien zentrale Anweisungen an alle 182 seiner Konsulate weltweit, um ein zügiges Visumverfahren zu gewährleisten, und schloss Vereinbarungen mit anderen Schengen-Staaten für Länder ohne spanische Vertretung.

Im Vorfeld der Verhandlungen dieses Jahr erinnern über 80 unterzeichnende Organisationen — von Amnesty International bis zur Zimbabwe People's Land Rights Movement — Deutschland als Gastgeber der Bonner Sitzungen in einem offenen Brief daran, dass die Glaubwürdigkeit multilateraler Prozesse davon abhängt, wer im Raum sitzt. Inklusiver Multilateralismus ist nicht nur eine Frage dessen, was verhandelt wird — sondern auch, wer verhandelt. Deutschland trägt als Gastgeber verschiedener UN Organisationen, vom UNFCCC-Sekretariats über UNDP und UN Women eine besondere Verantwortung dafür, dass seine Konsulate nicht zur ersten Hürde für legitimes globales Regieren werden — und für das Vertrauen der Partner, auf die es angewiesen ist. Die Lösungen existieren. Die Präzedenzfälle existieren. Was noch zu fehlen scheint, ist der politische Wille zu handeln.

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