Gesundheit im Zentrum des Klimaschutzes

Wie kann der Aufbau klimaresilienter Gesundheitssysteme gelingen?

Wie kann der Aufbau klimaresilienter Gesundheitssysteme gelingen?

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Strupat, Christoph
Die aktuelle Kolumne (2023)

Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 27.11.2023

Bonn, 27. November 2023. Die Klimakrise ist unzweifelhaft auch eine Gesundheitskrise. Der Klimawandel stellt eine unmittelbare und schwere Bedrohung für die menschliche Gesundheit dar und hat bereits heute Auswirkungen auf fast die Hälfte der Weltbevölkerung. Die WHO schätzt, dass aufgrund des Klimawandels jährlich zusätzlich 250.000 Menschen sterben.

Steigende Temperaturen, extreme Wetterereignisse, Luftverschmutzung, Waldbrände und beeinträchtigte Ernährungssicherheit führen zu Lebensverlusten. Die überzeugendsten Gründe für Klimaschutzmaßnahmen liegen nicht in der fernen Zukunft – sie sind genau hier und jetzt. Es ist sehr zu begrüßen, dass die Präsidentschaft der UN-Klimakonferenz 2023 (COP28) Gesundheit als Prioritätsbereich gewählt hat.

Der 3. Dezember 2023 ist der Tag der Gesundheit und an diesem Tag findet das allererste Klima-Gesundheitsministertreffen im Rahmen einer UN-Klimakonferenz statt. Ziel ist es, Gesundheit als zentrales Thema in die Klimaagenda einzubinden. Es ist unabdingbar, dass der Gesundheitssektor eine größere Rolle in der Klimatransformation übernimmt. Zum einen ist der Gesundheitssektor selbst für 5 % der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Wäre der Sektor ein Land, gälte er nach China, USA, Indien und Russland als fünftgrößter Emittent. Zum anderen können die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels durch den Aufbau klimaresilienter Gesundheitssysteme vermindert werden. Wie lässt sich dies umsetzen?

Finanzierung ausbauen: Bislang sind nur erschreckende 0,5 Prozent der Mittel für Klimaanpassungsmaßnahmen in den Gesundheitssektor geflossen. Diese unzureichende Finanzierung ist besonders kritisch für afrikanische Länder, die stark von der Klimakrise betroffen sind. Diese erhalten lediglich 14 Prozent der dringend benötigten Anpassungshilfen. Es ist von Bedeutung, dass die entwickelten Länder ihre finanziellen Beiträge gegenüber multilateralen Klimafonds, wie dem im Rahmen der UN-Klimaabkommen etablierten Green Climate Fund (GCF), spürbar weiter erhöhen. In diesem Kontext ist besonders die Förderung der universellen Gesundheitsversorgung von großer Wichtigkeit. Sie gilt als Schlüsselindikator für die Resilienz der Gesundheitssysteme gegenüber den Herausforderungen des Klimawandels.

Klimaresiliente Strukturen schaffen: Gesundheitssysteme können ihre Klimaresilienz stärken, indem sie beispielsweise Frühwarnsysteme für Ausbrüche klimasensibler Infektionskrankheiten ausbauen und eine Gesundheitsinfrastruktur aufbauen, die extremen Wetterbedingungen trotzt. Dazu gehören Investitionen in widerstandsfähige Gebäude, Notstromversorgungen und Wasserspeichersysteme. Die Entwicklung von Hitzeschutzplänen und die Steigerung des öffentlichen Bewusstseins für klimabedingte Gesundheitsrisiken ist ebenso wichtig. Darüber hinaus ist eine Kooperation zwischen den Gesundheitssystemen und anderen für die Gesundheit relevanten Sektoren (Landwirtschaft, Umwelt etc.), wie im One-Health Ansatz angelegt, entscheidend. Diese intersektorale Zusammenarbeit zielt auch darauf ab, die Grundursachen des Klimawandels und dessen Auswirkungen auf die Gesundheit umfassend zu adressieren.

Globale Dringlichkeitsgovernance fördern: Reformen in der globalen Regierungsführung nach der COVID-19 Pandemie, darunter auch die Überarbeitung der Internationalen Gesundheitsvorschriften (IHR) und die Verhandlung eines neuen Pandemie-Abkommens, können wesentlich dazu beitragen, einige der klimabedingten Gesundheitsherausforderungen zu bewältigen. Der Wissenschaftliche Beirat für Globale Umweltveränderungen (WBGU) unterstützt diesen Ansatz und fordert in seinem Jahresbericht „Gesund leben auf einer gesunden Erde“ die Stärkung der globalen Dringlichkeitsgovernance. Beispielsweise breiten sich Infektionskrankheiten wie Dengue, begünstigt durch veränderte klimatische Bedingungen, zunehmend in neue Regionen aus. Der Markt für einen wirksamen Dengue-Impfstoff wird sich in den nächsten Jahren um 125 Milliarden Dollar erweitern. Um die Fehler im Zuge der COVID-19 Pandemie nicht zu wiederholen, bei der durch den ungleichen Zugang zu COVID-19-Impfstoffen im Jahr 2021 schätzungsweise 1,3 Millionen Menschen starben, sollten ein gleicher und gerechter Zugang zu Impfstoffen im Rahmen des neuen Pandemie-Abkommens festgehalten werden. Dazu gehört auch, dass die Impfstoffproduktion in Niedrigeinkommensländern stattfindet.

Dekarbonisierung des Gesundheitssektors: Der Gesundheitssektor kann eine wesentlich größere Rolle in der globalen Reduzierung von Emissionen spielen. Dies könnte durch die Verringerung direkter Emissionen gelingen, die bei der Stromproduktion entstehen, welche von Gesundheitseinrichtungen bezogen werden. Darüber hinaus können Emissionen, die während der Herstellung von im Gesundheitssektor genutzten Produkten anfallen, reduziert werden. Auch der nachhaltige Bau von Gesundheitseinrichtungen kann zur Emissionsreduzierung beitragen. Gesundheitsanbieter können ebenfalls durch gemeinschaftliche Beschaffungsentscheidungen ihre Einkaufsmacht vereinen, um so eine gebündelte Nachfrage nach nachhaltig produzierten Waren und Dienstleistungen schaffen.

Gesundheit als Prioritätsbereich im Rahmen der COP28 setzt einen zentralen Impuls für eine rasche und dauerhafte Reduktion der Emissionen und Beschleunigung der nötigen Klimaanpassungsstrategien im Gesundheitsbereich. Es gilt zu verhindern, dass klimabedingte Todesfälle ungehindert ansteigen und eine lebenswerte Zukunft in klimavulnerablen Ländern zunehmend in weite Ferne rückt.

Über den Autor

Strupat

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