Weltstädtetag
Planstädte sind nicht die Lösung für die rasante Urbanisierung
Roll, Michael / Nicholas Goedeking / Lena GutheilDie aktuelle Kolumne (2026)
Bonn: German Institute of Development and Sustainability (IDOS), Die aktuelle Kolumne vom 30.10.2026
Planstadtprojekte werden den Ansprüchen nachhaltiger Stadtentwicklung häufig nicht gerecht, können allerdings einflussreichen Schatteninteressen dienen.
Bonn, 30. Oktober 2026. Die „Urban October“-Initiative von UN-Habitat steht in diesem Jahr unter dem Motto „Angemessener Wohnraum für alle“ und endet am Weltstädtetag (31. Oktober). Um den dringenden Bedarf an Wohnraum zu decken, erscheint der Bau von Planstädten „auf der grünen Wiese“ als attraktive Lösung. Allerdings tragen solche Projekte häufig nicht zur Bewältigung der Herausforderungen der Urbanisierung bei, dienen stattdessen aber verdeckten politischen Interessen – oft auf Kosten aktueller und zukünftiger Stadtbewohner*innen.
Im Mai 2026 bestätigten Medienberichte das Ende des Stadtvorhabens The Line. Saudi-Arabien stellte bis auf weiteres die Bauarbeiten an der 170 Kilometer langen Bandstadt bis mindestens 2030 ein. Obwohl das Projekt aufgrund seines ungewöhnlichen Ausmaßes und Designs viel internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, ist es nur ein Beispiel für ein umfassenderes Phänomen. Weltweit verfolgen Regierungen und Investoren über 150 Planstadtprojekte, vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Diese Projekte basieren auf Masterplänen für bisher unbebaute Flächen. Sie beanspruchen häufig, einen Beitrag zur Lösung von Problemen wie Wohnungsnot, Verkehrsüberlastung, Umweltverschmutzung und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels leisten zu können. Analysen deuten jedoch darauf hin, dass Planstadtprojekte diesen Versprechungen oft nicht gerecht werden, was zwei wichtige Fragen aufwirft: Warum werden Planstadtvorhaben dennoch in so großer Zahl verfolgt? Und wie sollten Entwicklungsorganisationen reagieren, wenn sie um Unterstützung für solche Projekte gebeten werden?
Die Idee, Planstädte zu errichten, ist eine Reaktion auf eine zentrale globale Herausforderung: Städtische Siedlungen wachsen in beispielloser Geschwindigkeit, insbesondere in Afrika und Asien. Zudem zeigen neue Städte wie Brasilia (Brasilien) und Abuja (Nigeria), dass solche Projekte gelingen können. In den letzten Jahren blieb jedoch eine beträchtliche Anzahl von Planstadtprojekten unvollendet, hatte mit geringer Auslastung zu kämpfen oder wurde ganz aufgegeben. Die Gründe, warum diese milliardenschweren Projekte ihre städtebaulichen Ziele oft verfehlen sind vielfältig. Fehler in der Planung, im Management und bei der Finanzierung spielen hier eine Rolle. Doch wie wir in einem neuen Policy Brief darlegen, sind Planstadtprojekte auch weiterhin attraktiv aufgrund von Schatteninteressen – versteckten politischen Absichten, die von einflussreichen Eliten verfolgt werden. Diese Interessen können zusätzlich zu oder im Gegensatz zu Zielen der Stadtentwicklung bestehen. Sofern Schatteninteressen faktisch Vorrang vor Stadtentwicklungszielen erhalten, dient dies zwar den verborgenen politischen Absichten, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass die offiziellen Stadtentwicklungsziele nicht erreicht werden.
Schatteninteressen umfassen unter anderem Bestrebungen, politische Macht durch die Stärkung klientelistischer Netzwerke zu festigen, etwa durch die Verteilung von Land oder die Vergabe von Aufträgen an gut vernetzte Baufirmen. Ägyptens neue Verwaltungshauptstadt ist ein Beispiel dafür. Die Zeitschrift The Economist beschreibt sie als staatliches Vorhaben, um Unternehmen mit engen Verbindungen zum Militär zu bestechen, was die ohnehin steigende Verschuldung und Inflation weiter in die Höhe treibt. Schatteninteressen können auch Bestrebungen umfassen, geopolitische Kontrolle über strategisch wichtige Gebiete durchzusetzen, wie im Fall von Forest City in Malaysia. Die Stadt war ein Versuch, im Rahmen der chinesischen „Belt and Road“-Initiative eine chinesische neokoloniale Enklave an einem strategisch wichtigen Standort zu errichten. Das Projekt wurde 2014 ins Leben gerufen und ist heute eine verlassene „Geisterstadt“. Darüber hinaus können Schatteninteressen auch dazu dienen, autoritäre Regime durch den Bau von vorgeblichen Ökostädten international zu legitimieren. Masdar City in Abu Dhabi wurde beispielsweise 2006 ins Leben gerufen, um das Emirat als weltweit führend im Bereich grüner Innovationen zu positionieren. Bis heute ist die Stadt kaum ausgelastet. Diese Beispiele zeigen, dass Planstadtprojekte eher nicht die Bedürfnisse von Stadtbewohner*innen erfüllen, wenn Regierungen sich dabei an Schatteninteressen statt an offiziellen Stadtentwicklungszielen orientieren.
Um auf die Herausforderungen der rasanten Urbanisierung zu reagieren, sind verschiedene Ansätze nötig, zu denen auch Planstädte gehören können. Doch die jüngsten Planstadtprojekte versprechen viel, weisen eine schlechte Erfolgsbilanz auf und werden oft durch Schatteninteressen beeinträchtigt. Solche Projekte bergen daher die Gefahr, erhebliche öffentliche und private Ressourcen zu vergeuden – und das in einer Zeit, in der Investitionen in städtische Infrastruktur dringend notwendig sind. Angesichts dieses Risikos sollten Entwicklungsorganisationen sorgfältig abwägen, ob sie Planstadtprojekte unterstützen. Idealerweise sollten solche Entscheidungen auf der Grundlage politökonomischer Analysen stattfinden, die auch mögliche Schatteninteressen berücksichtigen, sowie aufgrund der Analyse alternativer Stadtentwicklungsansätze. Dies ist insbesondere in autoritären Kontexten und in Ländern mit schwachen Institutionen wichtig, in denen Infrastrukturprojekte eher von Schatteninteressen vereinnahmt werden. Maßnahmen wie die schrittweise Modernisierung und Erweiterung bestehender städtischer Siedlungen sind in der Regel kosteneffizienter und kommen einem breiteren Spektrum von Stadtbewohner*innen zugute. Die Verwirklichung des Mottos „Angemessener Wohnraum für alle“ erfordert nicht zuletzt partizipativere Ansätze in Stadtplanung und -entwicklung, die ausdrücklich auch die mehr als eine Milliarde Menschen einbeziehen, die weltweit in informellen städtischen Siedlungen leben.
Weitere IDOS-Expert*innen zu diesem Thema
-
Asimeng, Emmanuel Theodore
Stadtplanung, Nachhaltigkeit
-
Jauregui Fung, Franco
Architektur, Urbane Ballungsräume
-
Löpelt, Sarah
Internationale Beziehungen und Nachhaltigkeitspolitik
-
Siriwardane-de Zoysa, Rapti
Soziologie
-
Zumegen, Lisa
Urbane Transformation