Das Wachstum der neuen Mittelschichten in Entwicklungsländern: wiederholt sich die Geschichte des Westens?
Furness, Mark / Imme Scholz / Alejandro GuarinAnalysen und Stellungnahmen (16/2012)
Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)
Engl. Ausg. u.d.T.: History repeats? The rise of the new middle classes in the developing world (Briefing Paper 19/2012)
Seit etwa zehn Jahren steigt das Einkommen vieler Millionen Menschen in Asien, Lateinamerika und Afrika. Sie werden als die „neuen Mittelschichten“ der Entwicklungsländer bezeichnet, und ihre Zahl wächst. Diese Gruppe wird Mitte des Jahrhunderts die Milliardengrenze erreichen und dank ihrer beispiellosen Größe eine wichtige Rolle spielen – in ihren Ländern und darüber hinaus. Definieren wir als Mittelschicht, wer Ausgaben von 10 bis 100 US$ pro Tag (in Kaufkraftparitäten, KKP) hat, wird diese Gruppe manchen Hochrechnungen zufolge in der nächsten Dekade allein in Asien um mehr als eine Milliarde Menschen anwachsen. Im Vergleich erscheinen die „alten“ Mittelschichten klein. Das Gravitationszentrum des weltweiten Konsums wird sich verlagern.
Die westliche Welt sieht in den Mittelschichten einen Großteil ihrer Erfolgsgeschichte der Nachkriegszeit. Für viele sind sie ein Schlüssel zu anhaltendem Wirtschaftswachstum,Demokratie und guten politischen Institutionen. Wenn das auch für Entwicklungsländer gilt, sind das gute Nachrichten. Aber tut es das?
Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Geschichte einfach wiederholt. Wir wissen nicht, wie sich die Gesellschaften verändern, wenn das Einkommen von Millionen Menschen in Entwicklungsländern steigt. Die neuen Mittelschichten könnten zum Motor eines politischen und sozioökonomischen Wandels werden, national wie global. Aber auch das Gegenteil kann passieren: Einmal etabliert könnten sie – zur Bewahrung der eigenen Stellung – fortschrittsfeindlich agieren und weiteren sozialen Wandel blockieren. Diese Ungewissheit bringt ganz unterschiedliche entwicklungspolitische Herausforderungen mit sich:
- Mit wachsendem Wohlstand verbraucht der Mensch mehr Naturressourcen. Daher muss es ein globales Anliegen sein, den ökologischen Fußabdruck des Konsums zu verringern.
- Das Wachstum der Mittelschicht fördert nicht zwangsläufig soziale Inklusion. Entwicklungspolitik muss vorrangig Wachstum fördern, das Ungleichheit abbaut.
- Einkommenszuwächse führen nicht automatisch zu Demokratie nach westlichem Vorbild. Offene politische Systeme sollten gefördert werden, ungeachtet möglicher „unerwünschter“ (Wahl)ergebnisse.
- Besseres globales Regieren ist keine Selbstverständlichkeit. Die Zusammenarbeit von Ländern mit größeren und durchsetzungsfähigeren Mittelschichten auf internationaler Ebene kann komplexer und schwieriger werden.
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